Zwei Geschichten zwei unterschiedliche Schlußfolgerungen


Liebe Kolleginnen,
liebe Kollegen,
liebe Berufsanwärter,

zu diesem Artikel wurde ich durch den Artikel eines Kollegen, Funktionär in einem Verband, in einem Heilpraktiker-Organ angeregt.

Im Grundsatz geht es um die Tätigkeit des Heilpraktikers vor Jahrzehnten und die mögliche Tätigkeit des Heilpraktikers heute und daraus zu ziehende Schlußfolgerungen für die Praxis.

Zunächst in Stichworten die Geschichte des Kollegen:

Mit acht Jahren zum ersten Mal einen Heilpraktiker aufgesucht, einen sogenannten „Knochenbrecher“. Schmerzhafte Wirbelblockierung im HWS-Bereich. Sprechstundenbeginn 6.00 Uhr morgens. Zahlreiche wartende Schmerzpatienten in einem kleinen spartanischen Wartezimmer auf kargen Stühlen. Behandlung in einem karg eingerichteten Raum. Der Heilpraktiker in kariertem Hemd und brauner „Manchester“-Hose. Kopf in den Händen des Heilpraktikers „Nu’ laß’ mal locker“, ein kurzer Ruck, die Empfehlung, mehr Schwimmen zu gehen. Fertig. Schmerzen weg.

40 Jahre später Besuch in der Praxis eines Freundes und Kollegen. Keine unchristlichen Öffnungszeiten. Keine spartanischen Wartezimmermöbel. Kein lautstarker Behandler in Freizeitkleidung. Eine nette Dame, die nach einer Chipkarte fragt. Wartezimmer mit angenehmer Musik. Der Kollege ganz in Weiß. Sprechzimmer mit aufgeräumtem Schreibtisch, schickem Flachbildschirm, Tastatur mit Chipkartenlesegerät, vollem Akten- und Bücherschrank, Röntgenbildbetrachter, fast wie eine Arztpraxis. Er arbeitet an der Zertifizierung seiner Praxis nach ISO EN 9002. Im PC die Daten für die Zertifizierung. Betrachtung der Skleren, Fotografie der Augen, High-Tech-mäßig digital, Besprechen der Aufnahmen am PC-Bildschirm, Pulsmessen, pathophysiognomische Zeichen ermitteln, Harnschau und anderes mehr. Keine Blutentnahme, kein Röntgen, kein Schallen, keine Spiegelung, weil er Heilpraktiker sei.

Der technische Aufwand, weil die Arbeit dadurch erleichtert würde und mehr Zeit für den Patienten wäre und die aufwendigen Qualitätssicherungsmaßnahmen, (Zertifizierung, Chipkarte), weil er Heilpraktiker bleiben möchte.

Soweit in Kurzform diese Geschichte.
Kommantar dazu anschließend: Und nun meine Geschichte:

Mit 15 Jahren von erheblichen Rückenschmerzen im Lendenbereich und starken Schmerzen im HWS-Bereich geplagt. Ärztliche Behandlungen blieben ohne Erfolg. Injektionen führten sogar zu schwerem Erbrechen in der Praxis.

Es folgte die Empfehlung, einen Mann aufzusuchen, der von Beruf Maurer war und Einrenken würde. Er hatte sich einen Namen gemacht. Heilpraktiker war er nicht. Damals wurde es noch nicht ganz so genau genommen.

Auch ich wurde in ziviler Kleidung empfangen. Zwei, drei Fragen folgten und ein leichtes Abtasten des HWS- und Nackenbereiches sowie des Rückens insgesamt. Kurzes „Einrenken“, einmal im Sitzen und einmal im Liegen. Nach zwei Tagen waren keine Beschwerden mehr zu verspüren, und dies hielt auch an.

Übrigens, die Kosten: Er dürfe kein Geld annehmen, so hieß es, und man solle einfach etwas beim Rausgehen in einem Korb hinterlassen. Ganz nach freiem Ermessen.

23 Jahre später, ich befand mich in der Vorbereitung auf die Heilpraktikererlaubnis. Ein Besuch bei einem Heilpraktiker war schon deshalb für mich von besonderem Interesse. Kreislaufstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen waren der Anlaß. Ein verdienter, erfahrener Kollege wurde aufgesucht. Eine recht einfach eingerichtete (spartanisch kann man es auch nennen) Praxis. Schon eher ein Büro. Ein schon antiquarisch anmutendes Iriskop. Der Kollege trug zivile Kleidung. Einige kurze Fragen. Ausführliche Augendiagnose. Kleines Rezept aus dem Auge und eine intramuskuläre Injektion, die noch an zwei Behandlungstagen wiederholt wurde. Schon die erste Behandlung und Einnahme der verordneten beiden Medikamente brachten die Besserung.

In beiden Fällen kein Computer, keine Chipkarte, keine vorgewiesene Zertifizierung und trotzdem, oh Wunder, genügend Zeit und Erfolg.

Und nun drei Jahrzehnte später, im Jahr 2006. Ich befand mich auf Reisen und plagte mich mit heftigen Beschwerden im Schulter-Nacken-Bereich. Außer einem homöopathischen Mittel war in diesem Bereich eine Selbstbehandlung kaum durchführbar. Ein Heilpraktiker war nicht in der Nähe greifbar, so daß ich einen recht bekannten und erfolgreichen Arzt für Naturheilverfahren aufsuchte. Ultraschalluntersuchung, Inspektion, Palpation und Relfexprüfun- gen. Eine hervorragende chiropraktische Behandlung und eine neuraltherapeutische Injektion. Die chiropraktische Behandlung war auf jeden Fall erforderlich, sinnvoll und brachte mir Erleichterung im Gesamten, jedoch die eigentlichen Beschwerden, im Moment gebessert wohl durch die neuraltherapeutische Injektion, blieben. Eine moderne Praxis mit allem Drum und Dran sowie nette Assistentinnen, gute Atmosphäre, Computer, Server, Chipkarte usw. usw.

Zwei Tage später Besuch eines Kollegen, der verschiedene Fragen mit mir besprechen möchte.

Seit rund 25 Jahren erfolgreich mit einer gut gehenden Praxis tätig. Modern und hell eingerichtet ein Wartezimmer, Sprechzimmer, Behandlungsraum, jedoch nicht praxistypisch und nicht arztähnlich. Eine Mitarbeiterin für Telefon, Terminvereinbarung, Büroarbeiten. Kein weißer Kittel, saubere zivile Kleidung. Meine Beschwerden will er natürlich kollegialerweise gerne behandeln. Ich will aber erst einmal abwarten. Wir unterhalten uns über die Situation des Berufsstandes, über Praxisfragen, über Honorarabrechnung usw.

„Warum nicht praxistypische, weiße Kleidung?“ „Habe ich früher auch so gehandhabt. Im Laufe der Zeit habe ich aber festgestellt, daß es bei meinen Patienten so besser ankommt. Die suchen einfach etwas anderes und nicht den Mann im ,weißen Kittel’“.

„Was ist mit Einsatz Computer und ähnlichem?“ „Habe ich natürlich und etwas Software. So viel wie gerade nötig und so wenig wie möglich. Da ich zeitweilig mal verstärkt Privatpatienten und Beihilfeberechtigte behandele, werden die Rechnungen über Computer erstellt, müßte aber nicht sein.“ „Und was ist mit Patientenverwaltung, Anamnese usw.?“ „Nicht mit Computer. Hier ziehe ich nach wie vor die Karteikarte und meine handschriftlichen Eintragungen vor. Für mich ist hierbei die Konzentration auf den Patienten die bessere Methode und ich spüre irgendwie auch mehr dabei. Meine intuitiven Überlegungen fließen auch besser.“ „Wäre das andere nicht mit weniger Zeitaufwand zugunsten des Patienten verbunden?“ „Ich bin überzeugt, zumindestens bei mir, Nein. Ich habe immer genügend Zeit für den Patienten. Wie es bei Heilpraktikern individuell eine Selbstverständlichkeit sein muß.“ „Wäre eine komfortable Software mit Diagnoseauswahl, ICD 10-Schlüssel usw. auch eine Erleichterung für Sie?“ „Sie sprechen hiermit sicher die Rechnungsstellung für Beihilfestellen und private Versicherungen an. Nein! Entweder habe ich die ,schulmedizinische’ Diagnose, die von Versicherungen und Beihilfestellen verlangt werden, dann muß ich nicht erst danach suchen bzw. eine solche fabrizieren, was nicht korrekt wäre, oder ich habe diese nicht, weil eine solche mich für mein Vorgehen nicht interessiert.“ „Schon mal was von Zertifizierung der Praxis gehört?“ „Ja.“ „Und was halten Sie davon? Sie haben ja auch eine recht moderne Praxis und einige Geräte.“ „Nichts! Wer daran Spaß hat, möge es vollziehen. Ich selbst halte, zumindestens für mich, nichts davon. Ich arbeite verantwortungsvoll und ganz im Sinne dessen, was ein Heilpraktiker Kraft seiner Entwicklung und dessen was der Patient von ihm erwartet und in ihm sieht.“ „Und vom Chipkartensystem?“ „Genauso wenig. Ich mache mich doch nicht von Systemen abhängig.“

„Und warum all dieses nicht?“ „Weil ich Heilpraktiker, ich betone Heil und ich betone Praktiker, bin und dies ganz in diesem Sinne bleiben möchte, aber auch unabhängig von Systemen, Versicherungen, Beihilfen oder sonstigen Institutionen! Übrigens habe ich seit einiger Zeit begonnen in zahlreichen Fällen Befund- und Behandlungsberichte, Schriftwechsel für Versicherungen abzulehnen. Ich hatte erst Angst davor. Aber, die Patienten machen mehrheitlich mit. Rechnungen erstellen ist sehr viel einfacher. Und hierdurch spare ich echt Zeit ein.

Meine Beschwerden sind auch nach weiteren zwei Tagen nicht wesentlich besser. Trotz eines gut ausgewählten homöopathischen Mittels.

Noch auf Geschäftsreise besuche ich eine gute Bekannte. Ich finde ein kleines gemütliches Wartezimmer mit Sitzcouch, einem Tisch, zwei Stühlen, einigen Büchern aus dem Gesundheitsbereich und etwas Spielzeug für Kinder vor. Alles hell und freundlich.

Daneben ein relativ kleines Sprechzimmer mit einer Couch, einem Tisch, zwei Stühlen, dezent farbig gestrichenen Wänden. Alles einfach, aber sauber und freundlich.

Keine Heilpraktikerin, sie „behandelt“ mit Handauflegen. Gemäß dem „Geistheiler-Urteil“ darf sie dies ja. Sie hat sehr guten Zuspruch und Erfolg. Ihr Honorar beläuft sich auf 60 bis 100 EURO pro Stunde, je nach sozialer Situation der Betroffenen einschließlich der Mehrwertsteuer, die sie zahlen muß. Im Wartezimmer und im Sprechzimmer ein Aushang, daß durch ihre Tätigkeit die Behandlung durch Ärzte und Heilpraktiker nicht ersetzt wird.

Wir sprechen über dies und jenes. Ob sie irgendwann einmal noch die Heilpraktikererlaubnis anstreben wird, weiß sie nicht.

Sie möchte sich aber gerne meiner Schmerzen aus Freundschaft annehmen. Ich lasse es zu.

„Lege Dich bitte auf die Liege, schließe die Augen und tue sonst nichts.“ Die Liege ist sehr bequem. Ich werde mit einer leichten Decke zugedeckt.

Sie spricht nicht, ich höre nichts. Nur hin und wieder spüre ich in unterschiedlichen Körperbereichen mal Wärme, mal Kühle, die dann auch wieder in Wärme umschlägt.

Irgendwann öffne ich von selbst die Augen, die Behandlung ist zu Ende. Ich kann es zunächst selbst nicht so richtig glauben, es ist fast eine Stunde vergangen.

Ich fühle mich wohl und die Schmerzen sind weg.

Ich kann, mich wohlfühlend, meine Heimreise antreten.

Kommentar:

Warum gebe ich diese unterschiedlichen Erlebnisse zum Besten?

Weil es klar sein muß, daß wir nicht irgendeinen erlernten Beruf ausüben, sondern daß es ein weites Spektrum unserer Tätigkeit gibt. Mit sehr viel Individualität und vor allen Dingen noch als ein wirklich Freier Beruf mit allen uns gegebenen Möglichkeiten. Unabhängig von Versicherungsleistungen, von Beihilfen und privaten Versicherungen und Institutionen.

Auf das letzte Erlebnis „Handauflegen“ eingehend, heißt dies nicht, daß ich das „Geistheiler-Urteil“ als Verbandsvorsitzender und Heilpraktiker gutheiße. Schließlich hat mein Verband mit hohem Arbeits- und Kostenaufwand durch Erstellung von Gutachten und Einschaltung von Anwaltskanzleien alles daran gesetzt, dieses Urteil im Interesse der Heilpraktiker abzuwehren.

Aber dieses Beispiel zeigt auf, daß die Patienten in ihrer übergroßen Mehrheit bereit sind, Geld für ihre Gesundheit auszugeben, unabhängig von bestehenden Versicherungen und/oder Beihilfeleistungen.

Jeder mag seine Praxis so aufbauen und führen, wie er dies für richtig hält, solange Sorgfalt und Verantwortung als selbstverständlich für uns Heilpraktiker eingehalten werden. Dies ist gerade unter anderem auch das Schöne unseres Berufes, um den uns viele beneiden.

Wenn aber Verbände und/oder deren Funktionariate meinen, ihre persönlichen Ansichten und Praxisüberlegungen als das Nonplusultra betrachten zu müssen und dies dann auch noch als verbindlich propagieren wollen, hört irgendwie die Freundschaft auf.

Und wenn der Kollegenschaft dann auch noch suggeriert wird oder werden soll, daß dies so sein muß, weil man nur so Heilpraktiker sei und bleiben könne, dann wird es besonders kritisch.

Wer seine Praxis zertifizieren will, möge dies gerne vollziehen, einen Anspruch für alle hieraus ableiten zu wollen, ist fatal und kann sich berufsstandsschädigend auswirken.

Und wer mit Chipkarte arbeiten möchte, soweit möglich, möge dies auch gerne tun. Dies aber als Forderung für uns alle aufzustellen, ist schon anmaßend und kurzsichtig ohnehin.

Ganz zu schweigen über die möglichen negativen Folgen für uns Heilpraktiker. Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, daß manche Funktionäre in einem dunklen Raum sitzen und ein Streichholz anzünden ohne zu merken, daß um sie herum lauter Munition lagert.

Deshalb schreibe ich. Weil ich möchte, daß unsere Tätigkeit auch zukünftig frei und unabhängig in ihrer großen Individualität, in ihrer gesamten Bandbreite, ob Kleinstpraxis oder Großpraxis, ausgeübt werden kann!

Ihr Bernd R. Schmidt
 
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