Wenn der Leib erwacht


Gedanken zu dem Buch von Ilse Middendorf „Der Erfahrbare Atem in seiner Substanz“ – Junfermann, Paderborn, 1998. ISBN 3-87387-397-4.
 
Prof. Ilse Middendorf ist Begründerin der Lehre: Der Erfahrbare Atem. Nach Ausbildungen in Gymnastik, Tanz und verschiedenen Formen der Leibtherapie arbeitete sie mit Cornelis Veening. Sie war Gründerin und Leiterin des Instituts für Atemtherapie und Atemunterricht in Berlin, eine Ausbildungsstätte für Atempädagogen. Sie erhielt an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Berlin eine Professur. Außerdem galt ihre Mitarbeit vielen Institutionen im In- und Ausland, die sie nach sechzigjähriger Tätigkeit noch nicht beendet hat. (Aus dem Covertext des Buches „Der Erfahrbare Atem in seiner Substanz".)
 
Fangen wir mit dem letzten Satz des Buches von Ilse Middendorf an: „So möchte dieses Buch nicht gelesen, sondern geatmet werden."
 
Kürzlich kam ein junger Mann zu mir zur Behandlung, wach und neugierig: „Ich will die Atemarbeit kennenlernen." Er habe sich auch gleich das neue Buch von Ilse Middendorf gekauft. Er habe zu lesen begonnen, aber das Buch - so gestand er mir - bald wieder aus der Hand gelegt: „Ich habe nichts verstanden." Wie könnte man ein Buch verstehen, das man nicht lesen, sondern „atmen" soll?
 
Das Vorgänger-Buch von Ilse Middendorf, das die Autorin Anfängern in der Atemarbeit empfiehlt, trägt den Titel „Der Erfahrbare Atem, eine Atemlehre".
 
Genau in dem Begriff „Atemlehre" mag auch der Unterschied zwischen beiden Büchern liegen. Ilse Middendorf ist auf dem Weg vom eigenen Lernen, mit dem sie vor über 60 Jahren angefangen hat, über die Lehre, die sie seit Jahrzehnten ausübt, bei der Dichtung angelangt. Jetzt, im Alter von 88 Jahren, hat sie dieses Buch vollendet. Und es ist ein Dicht-Werk, ein Kunstwerk geworden. Eine Künstlerin hat ihr Vermächtnis in Worte gefaßt.
 
Allemal gilt dies für die ersten 23 Seiten des Buches. Dort hat Ilse Middendorf die Essenz ihrer über ein langes Menschenleben erlebten und durchlebten Erfahrungen aus ihrer Atemarbeit niedergeschrieben und - auf einer beigefügten CD - persönlich vorgetragen. Was sie dort zu sagen hat, hört sich an und liest sich wie eine Hymne, eine Hymne an den Atem: „Ich habe nicht nur Atem, ich bin Atem."
 
Ilse Middendorf führt ihre Leserinnen und Leser „per Du" durch die folgenden Übungsanleitungen. Diese schriftliche Anredeform an die persönlich nicht bekannte Leserin mag ungewöhnlich sein; die Leserin, der Leser aber spürt sehr bald, daß Ilse Middendorf das, was sie zu sagen hat, so unmittelbar aus ihrer Person heraus geschrieben hat, daß es nur das Du als Gegenüber erträgt.
 
Es ist wahrhaftig kein Buch zum Durchschmökern. Das Buch soll geatmet werden, schreibt Ilse Middendorf. Und so führt sie behutsam, aber präzise und überaus beharrlich durch die Übungen - äußerst systematisch, doch völlig organisch. Die Autorin lädt geradezu zum Mitüben ein. Immer wieder aufs Neue erliegt man diesem eindringlichen Werben, man hält inne, folgt der Aufforderung zu spüren, die eigene Atemerfahrung für sich selbst zu artikulieren. Ganz deutlich wird dies bei Anleitungen zu Übungen, in denen die Vokalräume des Leibes erfahren werden sollen. Nicht gleich bei den Anleitungen teilt Middendorf mit, wo im Körper das schweigende gesungene E eine Atembewegung auslöst, wo das U. Später dann werden alle diese Räume genau dargelegt „und Du kannst daran erkennen, wie weit Du sie schon entdecken und empfinden konntest."
 
Chance zur Selbsterfahrung, nicht aber zur Kopfarbeit, die zum Rationalisieren neigt. Aus dem Protokoll einer Gruppenarbeit geht hervor, wie ein Mitübender bei der Mitteilung über das, was er bei der Übung erfahren hat, zu sehr ins rational Erklärende abdriftet. Ilse Middendorf führt ihn sanft aber bestimmt wieder hin zum Spüren, zum Empfinden („Es ist das wichtigste ...").
 
Zum Fördern gehört für Middendorf untrennbar das Fordern: „Spüre hin, empfinde! Wir sind sehr auf unser mpfinden angewiesen - wir müssen die Spürkräfte noch mehr herausarbeiten." Und es gehört dazu die Präzision: „Wir wollen genau sein", heißt es in der Anleitung zu einer Übung. Die Sprachkraft der Autorin reißt geradezu hin zum Mitüben - wer hat je schon für das Wort „Gefühle" die Wendung „kostbarer Seelenstoff" gefunden? Middendorfs Sprache ist um so überzeugender, wenn sie andererseits weiß, wo „Worte nicht mehr ausreichen." Zum Beispiel im Bemühen, die Erfahrungen zu beschreiben, die sich einstellen können, „wenn Du tief anwesend bist in der Ruhe nach dem Ausatem..." Letztendlich läßt sich der Atem nicht bereden, nur erfahren.
 
Andererseits: Sollte die beim Lesen geweckte Lust an der Atemarbeit überschäumen, stößt die Leserin immer wieder auf Stellen, die die Überschwenglichkeit zügeln. Ilse Middendorf läßt keinen Zweifel daran, daß die Erfahrungen aus der Atemarbeit keine wohlfeilen Geschenke sind. Sie müssen geduldig, manchmal vielleicht auch hart erarbeitet werden. Sie können nicht das Produkt eines einmaligen Wochenendkurses sein. „Geduldig gehst Du den Weg der kleinen Schritte." Und der Weg der kleinen Schritte kann durchaus gepflastert sein mit Rückschlägen. Aber er hat Hinweisschilder auf einen kostbaren Lohn.
 
Der könnte beispielsweise heißen: Vertrauen. „Dein Atem arbeitet für Dich ... Er gleicht Unbewußtes aus, und wenn Dir dies bewußt wird, kannst Du im Gleichgewicht sein. Erfüllt vom Atem, der Substanz entstehen läßt, fühlst Du Dich selbstbewußt, selbständig und kreativ. Du bist angekommen und weißt Dich auf dem Weg."
 
Das Gleichgewicht zu erlangen, setzt voraus, zu erkennen und zu akzeptieren, daß Ungleichgewicht vorhanden ist. Unvermeidlich bei den Dualitäten, die die menschliche Existenz bereithält: Innen- und Außenwelt, das Männliche und das Weibliche; Yin und Yang, das Körperliche und das Seelische. Das eigene Üben hilft uns zu erkennen, zu differenzieren und läßt uns dann erfahren, wie der Atem in uns alles wieder zur Einheit zusammenfügt. Ilse Middendorf zeigt uns, wie die Gegenpole einander ergänzen und befruchten. „Haltung, die aus Skelett und Muskulatur allein entsteht, ist hohl und leer. Sie ist entseelt und degradiert den Menschen zu einer Marionette. Haltung meint den ganzen Menschen, und die seelisch-geistige Komponente gehört ebenso zum schwingenden Gleichgewicht wie die körperliche."
 
In der Atemarbeit, in der die Ratio nicht die erste Geige spielt, in der man „nichts verallgemeinern kann" (Middendorf), wo jeweils allein die eigene unmittelbare Erfahrung zählt, kann es kaum ausbleiben, daß Begriffe durcheinandergeraten. Ilse Middendorf bringt wohltuende Ordnung: Was ist jeweils Denken, was Intuition, was ist Spüren, was sind Empfindung, Emotionen, Gefühle in der Arbeit mit dem Atem und wie hängt doch alles wiederum miteinander zusammen.
 
Die Gefühle. Sie melden sich ja bei der Arbeit mit dem Atem reichlich zu Wort. Von Teilnehmerinnen an Gruppen, die Ilse Middendorf geleitet hat, wird berichtet, daß sie sehr reserviert ist gegenüber psychologischer oder gar psychologisierender Bearbeitung von aufkommenden Gefühlen in der Gruppe. Das kommt auch in ihrem Buch zum Ausdruck, wenn sie dringlich empfiehlt, „sich bei Gefühlsstürmen an den Atem zu wenden. Atem begleitet ja die not-wendigen Ausbrüche und gibt ihnen das Maß." Und der Erfolg wird sich einstellen: „Vieles klärt sich - namentlich das Wesen der Gefühle, und vor allem dann, wenn Du erschüttert bist, vermagst Du Dich unmittelbar zu wandeln."
 
Ruhige Leidenschaft, sanfte Strenge, geduldige Unduldsamkeit - es läßt sich genausogut sagen: leidenschaftliche Ruhe, strenge Sanftmut und ungeduldige Duldsamkeit - begegnen der Leserin, dem Leser auf der Wanderung durch das Buch von Ilse Middendorf, das so eindringlich ihr Lebenswerk widerspiegelt und damit zu ihrem Lebenswerk geworden ist.
 
Es trägt im Titel den Begriff „Substanz": Er zieht sich durch das ganze Buch: „In jedem Atemzug können wir gleichgewichtig sein, und in jedem Atemzug kann Substanz wachsen." Über alle Beschreibungen, Erklärungen, Erfahrungsmitteilungen hinaus kann letztendlich nur jeder übend herausfinden, was es damit auf sich hat. Es lohnt sich, sich auf die Spur zu begeben.
 
„Es liegt in der Eigenart der Arbeit, daß die Menschen schöpferisch werden", sagt Ilse Middendorf an einer Stelle. Was denn anderes als das „schöpferisch sein" zeichnet die Künstlerin Ilse Middendorf aus, die in ihrem hohen Alter immer noch sagt: „Man kann ohne Ende erfahren"? Und dazu muß man sich - wie einfach und wie schwer - an den schlichten Leitsatz halten: „Atem kommt, Atem geht, und Du wartest, bis Atem wiederkommt."
 
Ilse Middendorf hat das Auftakt-Gedicht des Buches ohne Unterbrechung in einem einzigen Zug niedergeschrieben. An einer Stelle heißt es: „Ich fühle mich zu Hause angekommen - unverletzlich. Ich spüre, ich erfahre, hier wird Substanz bewußt."
 
Übrigens: Meinem jungen wißbegierigen Klienten habe ich geraten, das Buch in seine Schatztruhe zu legen, und zunächst einmal Atemerfahrungen zu machen. Wenn er diesen Weg gehen will, mag ihm ein weiterer Satz aus Middendorfs eigener in dem Gedicht niedergeschriebenen Erfahrung tröstlich sein: „Und weiter führt mich der Weg des Atmens - auch über Felder des Unvermögens."
 
Jeder Mensch kann mit der Atemarbeit beginnen und vielleicht - wenn sie oder er nur geduldig ist - irgendwann zu seiner Zeit an Middendorfs köstlicher Erfahrung teilhaben: „Daß das Schwere leicht wird, das Dunkle hell, wenn der Leib erwacht im Hauch des Odems und sich umarmt mit dem Glanz des Unsichtbaren."
 
Adalbert Halt, Heilpraktiker

 
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